
Um das gleich klarzustellen: ich habe gar nichts gegen Borussia Dortmund. Ich bin nicht mal Fußball-Fan. Und der Artikel wird zeigen, dass auch Bayern München nicht Deutscher Meister werden will (sie werden es aber trotzdem fast immer).
Worum geht es? In meinem letzten 3 Blog-Artikeln habe ich den Gedanken, dass sich soziale Systeme (hier spezifisch Unternehmen, Vereine, Kirchen, Parteien) keinen Gefallen tun, wenn sie ihre Probleme bei Menschen verorten, aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Nun stellt sich die Frage: Wo dann? Und um das zu umreißen, sprechen wir heute mal über die Organisation.
Zunächst lade ich Sie ein, Borussia Dortmund (oder jeden beliebigen Fußballverein) als ein System zu betrachten, und zwar als ein soziales System, und die spezifische Unterform nennen wir Organisation. Tun wir so, als wäre diese Organisation ein lebendes Wesen, und nennen wir es der Einfachheit halber Organismus. Das kann man sich gut vorstellen.
Ein Organismus hat bekanntlich zwei Aggregatzustände: er lebt oder er lebt nicht.
So gesehen kann auch ein Fußballverein nur existieren oder nicht existieren, es gibt nichts dazwischen. Und sein Ziel ist es, zu existieren. Das muss kurz erläutert werden, folgen Sie mir bitte:
Jeder Organismus ist darauf aus, fortzubestehen. Das ist sein höchster Zweck. Dafür stellt der Organismus selbst alle notwendigen Prozesse zur Verfügung, aus der Neurobiologie stammt der Begriff der Autopoiese, der auch von der Systemtheorie aufgegriffen wurde. Einige dafür nötige Substanzen bezieht der Organismus aus seiner Umwelt (eine Zelle z.B. Sauerstoff aus dem Blut), alles andere geschieht innen drin.
Angenommen, ein äußeres Ereignis tritt ein, z.B. ein mächtiger Meteoriteneinschlag. Soll ja vorkommen. Das bewirkt erhebliche Veränderungen der Umwelt: zum Beispiel Strahlung, starke und dauerhafte Erwärmung, Absterben gewohnter Nahrungsmittel. Welche Optionen hat der Organismus? Als Metapher für Organisationen stark vereinfacht: ignorieren, anpassen – oder verschwinden. „Verschwinden“ (oder auch: aufhören zu existieren) ist allerdings keine praktische Option. Es ist eine Folge. Also: nur zwei Optionen übrig. Der Organismus wählt diejenige mit dem erwartet geringeren Risiko: ignorieren. Denn: „Never change a running System“. So einfach ist das. Also fast. Erst wenn „ignorieren“ absehbar nicht mehr funktioniert und „sterben“ zur greifbaren Möglichkeit wird, wählt der Organismus „anpassen“ aus. So, und jetzt haben wir auch schon fast alles besprochen, was man über Organisationen wissen muss. 😊
An dieser Stelle brauchen wir einen kurzen Ausflug zu Darwin und zur Evolution: Ein vor allem in maskulinen Leistungskreisen beliebtes Weltbild ist „the survival of the fittest“. Das geht auf Herbert Spencer zurück und soll in der landläufigen Verwendung sagen, dass nur die fittesten überleben werden. Zum Beispiel im täglichen Karriere-Kampf. Das führt dann unter anderem zu übersteigertem Training, physiologischer Optimierung (so Sachen wie Longevity) und Erfolgs-Coachings. Das Problem damit ist, dass weder Darwin noch die Evolution (sofern man an diese glaubt, es gibt ja inzwischen auch andere Tendenzen…) das so gemeint haben. „Survival of the fittest“ heißt, dass genau jener Organismus, der sich gut an evolutorische Veränderungen anpassen konnte und so überlebt hat, offenbar im Kontext DIESER Veränderung am fittesten war. Es ist also – and this goes out toll all tough managers – eine ex-post Betrachtung. Oder haben Sie schon mal Kakerlaken für den Ironman trainieren sehen? Eben, und die haben alle Massensterben der letzten 300 Millionen Jahre überlebt.
Das vermutlich fitteste Lebewesen auf unserem Planeten ist – und ich informiere Sie jetzt wirklich nur ungerne darüber – das Bärtierchen. Tardigrada gewinnt jedes Management Bootcamp. Kaum eine noch so heftige Veränderung kann es töten, es übersteht jeden Merger, jede Reorga, jedes Mobbing und denkt auch beim neuen, noch knallhärteren Vorstandsvorsitzenden bereits an den übernächsten. Hier eine, wie ich finde, gelungene Darstellung des kleinen Häuters:

Max Fitness und beinahe unsterblich: Bärtierchen (Tardigrada) Bild © Eye of Science
Organismen (aka Systeme) reagieren evolutorisch auf Veränderungen. Ob ihre Reaktion richtig war, wissen wir aber erst hinterher, nämlich dann, wenn sie überlebt haben. Angenommen, mehrfaches ignorieren führt nicht zum Ende des Fortbestehens, dann sagt das genau gar nichts darüber aus, wie die nächste Veränderung zu behandeln ist. Soziale Systeme, also zum Beispiel Ihr Unternehmen oder eben Borussia Dortmund, könnten aber zu der erfahrungsgestützten Annahme kommen, dass „ignorieren“ eine erfolgreiche Strategie ist. Und da liegt das Risiko: wenn „ignorieren“ die bevorzugte Strategie ist, können Organisationen abdriften! Irgendwann ist dann der Anpassungsbedarf so hoch, dass er kaum mehr zu bewerkstelligen ist. Kommt Ihnen bekannt vor?
Während Pflanzen und Tiere diesem Abwarten gnadenlos durch die Natur ausgesetzt sind, haben Menschen und somit theoretisch auch alle sozialen Systeme die Möglichkeit, zu reflektieren. Manche verbinden das Wort mit Schwäche, ich weiß. Es würde also darum gehen, Entscheidungen ex-post zu analysieren, grundsätzlich den Handlungsspielraum zu erweitern und wirksame Warnsysteme zu etablieren. Darum könnte es im nächsten Artikel gehen. Will sagen: Im Gegensatz zu Organismen sind soziale Systeme nicht auf Gedeih und Verderb der Evolution ausgesetzt. Sie verfügen über die Fähigkeit, autonom zu agieren. Weil das aber sehr anstrengend ist, sind oft die anderen schuld.
Zurück zum BVB: die beiden relevanten Organismen, also Organisationen, der Ballspielverein Borussia 09 e.V. und die Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA, haben nach dieser Ausführung zunächst ein Ziel: fortzubestehen. Und sie können definitiv fortbestehen, ohne Deutscher Meister zu werden. Ihre Lieblings-Strategie müsste es hiernach sein, möglichst wenig Risiko einzugehen und das zu tun, was immer funktioniert hat. Das Risiko dabei: sie wissen nicht, welcher Impact existenzgefährdend werden könnte. Und das kann zumindest bei einer AG eben nicht nur die ultimative Gefahr sein, sondern womöglich auch eine allmähliche Schrumpfung. Was glauben Sie, welche Bundesliga Vereine wären besonders gut aufgestellt, wenn die 50+1-Regel fallen sollte?
An dieser Stelle kommt noch eine letzte, kleine Ergänzung: In sozialen Systemen tummeln sich Menschen. Aber die Systeme bestehen nicht wegen Menschen! Gerade Organisationen zeichnen sich dadurch aus, dass sie komplett (!) unabhängig von den zu einem bestimmten Zeitpunkt in ihnen wirkenden Menschen existieren und fortbestehen können. Das müssen sie auch. Stellen Sie sich vor, ein Unternehmen würde aufgrund des Ablebens des Gründers aufhören zu existieren. Es wird zwar ab und an so getan, als wäre das der Fall, aber natürlich ist es Unsinn. Und auch der BVB und der FC Bayern werden tolle Fußballvereine sein, wenn Aki Watzke und Uli Hoeneß eines Tages nicht unter uns weilen.
Das bedeutet: der Ballspielverein Borussia 09 e.V. verfolgt den Zweck des Fortbestands. Aki Watzke muss sich diesem Zweck unterordnen. Zusätzlich (!) kann er aber weitere Ziele verfolgen, z.B. Deutscher Meister zu werden. Und wenn das klappt, dann bricht am Borsigplatz die Hölle los. Für den Verein macht es aber kaum einen Unterschied. Denn: der Verein will gar nichts. Er macht einfach weiter.


In meinem Blog geht es um meine Gedanken zu Themen rund um Organisation & Führung, Organisationsentwicklung, Change Management, Coaching, Systemtheorie, Kybernetik, Soziologie, Psychologie und mehr. Es sind Denkangebote für Sie. Beitragsbilder erstelle ich mit KI, die Texte sind jedoch 100% "KI-frei"!
Meine Beiträge diskutiere ich gerne hier:

Veröffentlicht am July 08, 2026
Organisationen, das können zum Beispiel Unternehmen sein, Vereine, Kirchen oder Parteien, erhalten vielfältige Zuschreibungen wie Visionen, Zwecke (der „Purpose“), oder bestimmte Werte. Das ist eine Vermenschlichung: zum Beispiel projizieren Personen ihre Visionen auf das Unternehmen, in dem sie arbeiten und religiöse Gläubige ihre Wertvorstellungen auf ihre Kirche. Das führt zu Enttäuschungen, denn eine Organisation ist kein Mensch. Sie will, kann und wird diese Erwartungen und Sehnsüchte nicht oder nur durch Zufall erfüllen. Wollen wir unser Zusammenleben mit und in Organisationen besser gestalten, hilft es, Organisationen mithilfe passender Theorien als das zu betrachten, was sie sind: soziale Systeme.